Das Fundament steht.

18
Jul
2017

Mannheim ist um ein Restaurant reicher. Um eines, dass schon vor seiner Eröffnung eine spannende Geschichte war und kulinarisch voll zu überzeugen weiß.

Dass es diesen Artikel gibt, ist gewissermaßen Zufall. Ein Videodreh führte mich durch die entlegenen Ecken des Jungbusch. Im Hafen, gegenüber der Schokinag, fällt der Blick auf das Ecklokal in der Neckarvorlandstr. mit der wechselhaften Geschichte – zuletzt war dort „My heart beats vegan“ beheimatet.
Dort herrscht am helllichten Tage rege Betriebsamkeit, eine Baustelle in den letzten Zügen gibt den Blick frei auf ein ansprechendes Interieur. Meine angeborene Neugier führt mich zwei Stufen hinauf, und da fällt mir Kai Wienand in Arme.
Er ist gerade dabei, sein erstes, eigenes Restaurant aus der Taufe zu heben, die Eröffnung steht an diesem heißen Tag kurz bevor. Idealer „Futter“ für einen Test mit Artikel.

Der gelernte Koch startete im Alter von 16 mit einer Ausbildung im Theresienkrankenhaus, die das Sprungbrett war für eine Reise durch die Küchen dieser Welt: Hamburg, Frankfurt, München, Berlin, London, Gstaad in der Schweiz, Mallorca – und immer wieder Mannheim. Viel rumgekommen ist er, und hat in den renommiertesten Küchen unterschiedlicheer gearbeitet, nebenbei noch eine zweite Ausbildung zum Konditor erfolgreich abgeschlossen.
Unter anderem für Juan Amador, Tim Mälzer, Norbert Dobler Robert Speth war der lernwillige Jungspund im Einsatz, jetzt – mit 29 Jahren – ist es Zeit für das erste, eigene Projekt – das „Fundament“.

Maximal 32 Personen gleichzeitig präsentiert Kai Wienand dort regionale Küche auf hohem Niveau, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Nicht ohne Stolz verweist der Gründer darauf, das Innere des Restaurants selbst gestaltet zu haben: weiße Wände, helles Holz und gemütliche Beleuchtung strahlen Gemütlichkeit aus. Quasi aus der Not eine Tugend gemacht, denn wie so oft mangelt es jungen Leuten mit guten Ideen oft an dem nötigen Kleingeld, das war und ist auch für Wienand ein Thema: „Die ganze Entstehungsgeschichte ist schon ein wilder Ritt gewesen, mit viel Unterstützung von Freunden und Bekannten“. Und selbst das Fernsehen hat sich für die Story begeistert, ein Kamerateam von SAT 1 begleitete das Projekt von Beginn an für eine Sendung, die am 26. Juli ausgestrahlt wird.

Doch die Wahrheit liegt auf dem Teller – wie sollte es anders sein. Und die schmeckt richtig gut. Die Karte ist klein aber fein: Onglet vom Simmentaler Rind, Pfälzer Käsefondue, Heilbutt sowie 60 Stunden gegarter Schweinebauch warten am Abend plus ausgewählte Vor-, Zwischen- und Nachspeisen. Die Mittagskarte zeigt mit Salat, Tagespasta, Fisch und Hühnchenkeule ein anderes Gesicht. Äußerst erfreulich: preislich reißt fast nichts die 20-Euro-Marke, die Mittagskarte macht sogar Lunch auf hohem Niveau für unter 10 Euro möglich.

Tagespasta:
Nudeln mit frischem Gemüse, Walnüssen und Zitronenrahm – 8,50 €
Mein Test zum Lunch: eine große Portion Pasta mit dem frischen Geschmack von Zitrone und knackigem Gemüse, sehenswert angerichtet und mit der nötigen Prise Pepp durch Walnuss und Gewürze. Großartiges Preis-Leistungs-Verhältnis, geschmacklich top!

 

Tartar von der Forelle:
Forellenkaviar (Forellenzucht Kreuzer, Fischbachtal) mit Gurke, Schwarzer Erde und Meerrettich – 8,50 €
Im Rahmen der Eröffnung kam ich in den Genuss dieser Leckerei, die mich sehr positiv überraschte. Die „schwarze Erde“ ist optisch als Salatbett ein Clou, der lecker schmeckt und zur der knackig-weichen Konsistenz des Forellenkaviars die perfekte Ergänzung ist.

 

Kartoffelsuppe mit Bioei und Sauerteigbrot – 6,50 €
Als bekennender Suppenkasper konnte ich daran beim Dinnerbesuch nicht vorbeigehen – und wurde belohnt. Herrlich natürlicher Kartoffelgeschmack, ansprechend serviert in einer Teekanne.

Unser Hauptgang am Abend war indes kein dauerhafter Vertreter der Karte, sondern Teil eines Überraschungsmenüs mit vier Gängen: Schwarzfederhuhn auf der Haut gebraten mit Blumenkohlcreme und Blattspinat an Rauchschaum. Eindrucksvolle, geschmackliche Vielfalt, die im Zusammenspiel ihre Wirkung entfaltet.

 

So könnte man ewig weitermachen, doch es ist Zeit für ein Zwischenfazit: Kai Wienand weiß was er tut. Vor allem in der Küche. Dass ist zugebenermaßen keine neue Erkenntnis, denn vor fast drei Jahren habe ich schon mal sein Projekt „Sonntagsmenü“ vorgestellt, bei dem er in die eigenen vier Wände kommt und ein Menü zaubert (hier geht’s zum Artikel von damals: http://mannheim.at/der-stern-fuer-deine-kueche/).
Doch Kai ist vor allem eines nicht: ein Lautsprecher. Er macht wenig Aufhebens um seine Person, auf der Bühne im Rampenlicht bei der Eröffnung fühlte er sich sichtlich weniger heimisch als in der Küche. Und gerade das macht ihn und sein neues Restaurant so sympathisch. Anspruchsvolle Küche zu anständigen Preisen.

Doch dieser Schritt ist eine neue Dimension – in jeder Hinsicht. Das erste, eigene Restaurant, die Verwirklichung eigener Ideen – am Herd und im Gastraum, auf dem Teller und im Glas.
Kai Wienand und seinem handverlesenen, zuvorkommenden Küchen- und Serviceteam gelingt vom Start weg eine Mischung, die Spaß macht und schmeckt.
Und somit definitiv mehr als einen Besuch wert ist.

Kleiner Tipp nebenbei: Kais Bruder, niemand geringeres als der Tausendsassa Jens Wienand, unterstützt seinen „kleinen“ Bruder nicht nur in Sachen Marketing, er bringt auch buntes Programm aus seinem Repertoire auf die kleine Bühne im Fundament. Mehr Infos dazu gibt es hier: jenswienand.com

Restaurant Fundament
Neckarvorlandstr. 17

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 12.00 – 14.30 Uhr
Sonntag: 12.00 – 14.30 Uhr
Dienstag bis Samstag: 18.00 – 23.00 Uhr
Montag Ruhetag

www.fundament-restaurant.de
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5 Kommentare
  1. Hat grade noch gefehlt neben der Craftbeerbar, dem „netten Franzosen“ der seinen Scheisstisch auch gerne mal mitten auf die Straße (neben die spielenden Armeleutekinder, das ist ja so authentisch) stellt, dem unerträglich spiessigen Hipsterburgerbrater, dem grauseligen Hagestolz, und wie sie alle heißen. Diese Viertel wurde in Rekordzeit kaputtgentrifiziert. Herzlichen Glückwunsch. Ich brauch euch nicht.

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    • Es sei mal die Frage in den Raum geworfen: war vorher mit all den Spelunken und fragwürdigen Etablissements alles besser? Daran wage ich zu zweifeln. Auch wenn nicht jeder Laden dort meinen Geschmack trifft, ist dort doch im Vergleich vieles besser geworden.

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    • Dann Tschüss 👋🏼
      Dein nächstes Szeneviertel sind die Benzbarracken…!

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    • Auf alle Fälle irgendwie treffend formuliert.

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    • Ich hab lange überlegt, ob ich das kommentieren soll, aber was Mannheim ausmacht ist die Vielfalt und das auch arme Kinder mit dem „netten Franzosen“ in Berührung kommen, der seinen Scheisstisch auch gerne mal mitten auf die Straße stellt, sehe ich eher als positiv. Dass sich die Mieten im Jungbusch erhöhen werden ist ein Effekt der vielschichtig ist und nach einer politischen Lösung ruft. Wenn es aber ein so top ausgebildeter Koch auch einem Studentengeldbeutel ermöglicht sein wirklich leckeres, auf raffinierte Weise mit natürlichen Aromen gezaubertes Essen so ansprechend zu servieren, dann habe ich vor so jemanden höchsten Respekt.

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