Zu groß für Mannheim.

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Eichbaum ist Geschichte. Nicht, weil die Marke zu schwach gewesen wäre – sondern weil die Brauerei für sie viel zu groß war. Über Exportzahlen, wohlfeile Solidarität und die Frage, was von 347 Jahren Tradition bleibt.

Am 13. Juli 2026 war Schluss. Nach 347 Jahren, nach Pfälzischem Erbfolgekrieg, zwei Weltkriegen, Arisierung, Wiederaufbau, Henninger, Hopp und Management-Buy-out. Nicht mit Knall, sondern mit einer kurzfristig abgesagten Sitzung des Gläubigerausschusses und einer Mitteilung, die man zweimal lesen musste. Rund 240 Beschäftigte bekommen ihre Kündigung, die geplante Transfergesellschaft kommt nicht mehr zustande, ein kleines Abwicklungsteam schließt bis Ende September die letzten Aufträge ab. Mannheims ältestes Unternehmen wird nicht gerettet, es wird abgeräumt.

Und weil in solchen Momenten die Reflexe schneller sind als der Verstand, lief in den Tagen danach das übliche Programm: Betroffenheit, Empörung, Managementschelte, Solidaritätsbekundungen. Alles verständlich. Alles wirkungslos. Und vieles davon aber am Kern der Sache vorbei.

Denn Eichbaum ist nicht an einer schwachen Marke gestorben. Eichbaum ist an seiner eigenen Größe gestorben.

Zwei Drittel gingen ins Ausland

Man muss sich die Zahlen kurz auf der Zunge zergehen lassen, weil sie fast alles erklären. Eichbaum war zuletzt der drittgrößte Bierexporteur Deutschlands. Über 60 belieferte Länder. Größter Einzelabnehmer: China. Und ganz konkret: Während der Absatz in Deutschland stabil bei rund 560.000 Hektolitern lag, gingen 2019 etwa 1,24 Millionen Hektoliter ins Ausland. Man muss kein Betriebswirt sein, um zu erkennen, was das heißt. Rund zwei Drittel des Mannheimer Bieres wurden nie in Mannheim getrunken. Nicht in Baden-Württemberg. Nicht in Deutschland.

Eichbaum war, nüchtern betrachtet, ein Exportunternehmen mit angeschlossenem Heimatmarkt. Nicht andersherum.

Und genau da liegt der Konstruktionsfehler, der irgendwann jede noch so schöne Markengeschichte einholt. Wenn zwei Drittel des Geschäfts an Märkten hängen, auf die man exakt null Einfluss hat – dann ist man nicht Herr der Lage, sondern Passagier. Russland erhöht Zölle und schottet den Markt ab. China schwächelt. Der Nahe Osten fällt weg. Und plötzlich stehen Sudhaus, Flaschenkeller und Logistik einer 1,6-Millionen-Hektoliter-Brauerei da und wollen Biermengen brauen, die niemand mehr bestellt.

Das Eichbaum und die deutschen Autokonzerne

Es lohnt sich, den Blick kurz zu weiten, denn das Muster kennen wir. Die deutschen Autokonzerne haben über Jahrzehnte gelernt, dass Wachstum immer irgendwo da draußen stattfindet: in China, in den USA, in Märkten, die scheinbar unendlich aufnahmefähig sind. Man hat Kapazitäten für diese Welt gebaut, Strukturen für diese Welt aufgesetzt, Erwartungen für diese Welt formuliert. Und dann kamen Zölle, Handelskonflikte, chinesische Konkurrenz und ein Heimatmarkt, der die Lücke beim besten Willen nicht füllen kann. Weil er dafür schlicht zu klein ist.

Man ist Opfer des eigenen Erfolges. Nicht Opfer eines Versagens.

Bei Eichbaum ist es dasselbe Muster, nur in Hektolitern statt in Fahrzeugen. Der Erfolg im Export war real, jahrzehntelang, und er war beeindruckend. Aber er hat einen Betrieb entstehen lassen, dessen Größe der Heimatmarkt niemals tragen konnte. 560.000 Hektoliter sind für eine regionale Brauerei ein stolzer Wert. Für eine Brauerei dieser Größe aber augenscheinlich zu wenig, um die Lichter anzulassen.

Und ja, hausgemachte Fehler gab es obendrauf. Während Krombacher, Bitburger und Veltins seit den Neunzigern mit gewaltigen Marketingbudgets zu nationalen Marken aufstiegen, blieb Eichbaum regional verankert und international breit gestreut – überall dabei, nirgendwo unverzichtbar. Dazu ein Insolvenzverfahren, das sich über zermürbende Monate zog und Vertrauen bei Handel und Partnern in einem Tempo verbrannte, das eine Rettung immer unwahrscheinlicher machte. Der Verkauf von Karamalz an Veltins kurz vor dem Insolvenzantrag wirkt im Rückblick wie das Verkaufen der Möbel, um die Miete zu zahlen. Bei Veltins läuft die Marke heute übrigens prächtig. Das nur als bittere Randnotiz.

Nur: All das erklärt das Tempo des Absturzes. Die problematische Fallhöhe kam vom Export.

Und was genau heißt jetzt Solidarität?

Kommen wir zum unangenehmen Teil. Kaum war die Nachricht raus, war die kommunale Politik da. Die SPD erklärte „bedingungslose Solidarität“. Die Linke und LTK verurteilten „scharf“ die Schließung, sprachen von Managementfehlern und forderten, die öffentliche Hand müsse sich „in welcher Form auch immer“ stärker engagieren. Die IG Metall – eine Gewerkschaft, deren Zuständigkeit für eine Brauerei sich mir nicht so recht erschließt – lieferte gleich einen Dreipunkteplan mit: Klinikum übernimmt das Gelände, Rothaus übernimmt Betrieb und Marke, beides schön im Landesbesitz.

Bei allem Respekt vor der Not der 240 Menschen, um die es hier geht, und die tatsächlich am wenigsten für diese Lage können: Was genau soll Solidarität in diesem Zusammenhang bedeuten?

Solidarität mit den Beschäftigten – Sozialplan, Qualifizierung, Vermittlung – das ist konkret, das ist richtig, das kostet Geld und Mühe. Dafür kann man kämpfen. Aber das war nicht gemeint. Gemeint war der Erhalt des Betriebs. Und da wird es interessant, denn die entscheidende Frage stellt keiner: Wer trinkt das Bier?

Ein staatlich gestützter Weiterbetrieb hätte an der Grundrechnung nichts geändert. Der Exportmarkt kommt nicht zurück, weil Mannheim solidarisch ist. Der Steuerzahler hätte eine Brauerei subventioniert, die für ihren eigenen Markt zu groß gebaut ist – so lange, bis das Geld alle ist. Und dann hätte man dieselbe Debatte geführt, nur mit ein paar Millionen weniger in der Kasse einer Stadt, die gerade ihren zweiten Nachtragshaushalt stemmt.

Das ist der Punkt, an dem die Solidaritätsrhetorik heuchlerisch wird. Nicht, weil das Mitgefühl unecht wäre. Sondern weil sie eine Lösung suggeriert, die keine ist, und weil sie an einer Stelle Verantwortung einfordert, an der die Forderer selbst keine tragen müssen. Es ist leicht, „die Politik muss handeln“ zu rufen, wenn man nicht dazusagen muss, mit wessen Geld, für wie lange und mit welchem Ziel. Und, ganz ehrlich: Wer über Jahre kein Eichbaum getrunken hat, weil Krombacher im Angebot war, sollte beim Wort Solidarität vielleicht eine Sekunde länger nachdenken oder direkt die Klappe halten. Solidarität ist sehr lange eine Kaufentscheidung, bevor sie eine Pressemitteilung wird.

Dass Klimaschutz nicht die Ursache ist, wie die LTK richtig anmerkt, stimmt übrigens. Nur ist die eigentliche Ursache eben auch keine, die sich mit per Gemeinderatsbeschluss beheben lässt.

Was bleibt: die Marke

Und jetzt kommt der Teil, der mich als Mannheimer tatsächlich umtreibt. Denn die Brauerei ist tot – aber ist es die Marke auch?

Eichbaum ist in dieser Stadt ein Wort, kein Produkt. Das Ureich, das Klääne, „Leichbaum“ und „Friedhofsbräu“ als liebevolle Beleidigung, der Feuerio, die Kerwe und nicht zuletzt der Waldhof. Diese Marke hat einen Wert, den keine Bilanz je ausgewiesen hat. Und Markenrechte sind veräußerbar. Sie liegen jetzt wohl in der Insolvenzmasse, in einem strukturierten Verkaufsprozess, und irgendwer wird sich hoffentlich die Frage stellen, was sie wert sind.

Die naheliegende Idee: raus aus der Masse, runter mit der Größe, rein in den lokalen Markt. Ein Eichbaum, das nicht 1,6 Millionen Hektoliter in 60 Länder schickt, sondern ein Vielfaches weniger in die Region – dorthin, wo die Marke ohnehin die einzige Währung hat, die zählt. Für so ein Modell wäre die Markenstärke vielleicht groß genug. Das ist keine Träumerei, das ist gelebte Praxis: Es gibt in Deutschland genug Traditionsmarken, die eine Insolvenz überlebt haben, weil jemand das Etikett gekauft und die Werkshalle stehen gelassen hat.

Doch daran hängen zwei Fragen, ohne deren Beantwortung Hopfen und Malz verloren sind:

Erstens: Wer geht ins Risiko? Es braucht Kapital und einen Menschen oder eine Gruppe, die in einem seit 2019 um rund 18 Prozent geschrumpften Biermarkt eine Marke aufbaut, deren letzte Schlagzeile das Wort „Insolvenz“ trug. Nostalgie allein finanziert keinen Vertrieb.

Zweitens: Wo wird gebraut? Das Gelände an der Käfertaler Straße könnte an das benachbarte Universitätsklinikum gehen, das bereits Interesse angemeldet hat – und ehrlich gesagt ist ein wachsendes Klinikum die vernünftigere Nutzung als ein Sudhaus ohne Absatz. Bleibt Lohnbrauen. Bleibt eine kleinere Braustätte irgendwo in Mannheim oder der Region. Verbunden mit der Frage, ob ein Eichbaum, das nicht in Mannheim gebraut wird, noch ein Eichbaum ist. Für die Puristen: nein. Für den Markt: vermutlich egal, solange Rezeptur und Qualität stimmen. Wobei hier „vermutlich“  viel Arbeit leisten muss.

Ich hätte gern eine Antwort. Ich habe keine. Aber ich habe eine Hoffnung, und die ist bescheidener, als es 347 Jahre Tradition verdient hätten: dass irgendwer mit Mut und Kapital den Wert dieses Namens erkennt, bevor er in einem Markenregister verstaubt.

Man kann in Plankstadt bestaunen, wie man eine regionale Brauerei auf Sicht fahren kann. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus dem Fall Eichbaum. Nicht: Rettet die Großbrauerei. Sondern: B(r)aut nichts, was der eigene Boden nicht tragen kann.

In diesem Sinne: auf das Eichbaum. Und auf das, was aus ihm vielleicht noch werden kann.

Ein Kommentar zu „Zu groß für Mannheim.“

  1. Avatar von Ernst Zech
    Ernst Zech

    Überragend geschrieben!!
    Ich komme aus dem kapputesten Bierland, aus Hessen. Ich war 33 Jahre in der Bier- und Getränkeindustrie auch in Europa unterwegs + habe ca. 700 Brauereien sterben sehen. 🫣 Die Katastrophe der immer wieder abnormalen Misch + Etikettensorten + dann noch süße Plörre!?? Warum nicht noch alkoholfreies Kristallweizenbier+ mehr gutes Helles Alkoholfreies + mehr Schankbier, oder seht ihr immer noch nicht dass Alkoholfreies noch lange nicht am Ende ist??

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