Mannheimatmusik

29
Jul
2014

mannstadt„Dreh weiter auf, Du bist Musik.“ – Mannheim hat zweifelsohne eine besondere Beziehung zur Musik. Egal auf welcher Ebene, Mannheim ist Musik.

Mit der Popakademie, mit dem irgendwie alles überragenden Xavier, den Söhnen Mannheims und all den weiteren Stars und Sternchen des Musikbiz, aber auch Festival, Konzerte, Clubs, DJs und Musiker haben hier Ihr zuhause – und selbst auf den Straßen, vornehmlich in der Fressgasse wummern Bässe aus den tiefergelegten Boliden selbstverliebter Mittzwanziger. Der Dialekt als Musik in den Ohren? Ok, so weit würde ich nun nicht gehen wollen, aber dennoch: Mannheim ist und liebt Musik.

Gleichwohl ist Musik eine der, wenn nicht die Triebfeder meines Wesens – auch hier auf zumindest semi-professioneller Ebene, aber viel wichtiger: als unverzichtbarer Baustein für mein Seelenheil. Deshalb lag der Gedanke nahe, eine regelmäßige Rubrik dieses kleinen Blogs „Mannheimatmusik“ zu nennen. Vor etlichen Jahren, als die MP3 gerade den Kinderschuhen entwachsen war und mein musikalisches Weapon-of-choice noch Discman hieß, habe ich mir für meine favorisierten deutschen Songs eine selbstgebrannte CD-Reihe erstellt, die den Namen „Heimatmusik“ trug. Dieser Name soll nun mit dieser Kategorie seine unerwartete Renaissance erfahren und macht es sich zur Aufgabe, Altes & Neues, Bekanntes & Seltenes aus der Musikwelt aus und über Mannheim aufzugreifen und vorzustellen.

Den Anfang möchte ich mit einem ganz besonderen Lied über Mannheim machen, dass es irgendwie nie so richtig aus dem Schatten des Rampenlichts auf die ganz große Bühne geschafft hat. Und dass obwohl es in meinen Augen eigentlich alles hat, was von Nöten wäre, um emotionale Regionalhymne zu sein. Ist es aber nicht. Unverdientermaßen. Der Name des Songs?

„Meine Welt“ von Rolf Stahlhofen, Joy Flemming und – na klar – Xavier Naidoo.

Der Song ist ein Beitrag dieser Mannheimer Ausnahmemusiker zum 400-jährigen Stadtjubiläum im Jahr 2009 gewesen – bis heute hat die hellblaue CD zu diesem Anlass einen besonderen Platz in meiner Sammlung. Doch ohne Verkaufszahlen zu kennen – der Blick auf Youtube verrät ja meist schon einiges. So ist das Lied eben seit 2009 auf dem offiziellen Kanal von Rolf Stahlhofen zuhause – und hat es in diesen knapp fünf Jahren auf gerade mal etwas mehr als 1.500 Klicks gebracht. Keine hitverdächtige Quote. Nun ist es aber auch so, um noch einmal auf das bereits erwähnte Schattendasein zurückzukommen, dass es für pathosschwingende Songs dieser Couleur nicht ganz einfach ist, in Mannheim aus dem Schatten hervorzutreten. Denn den Schatten, den die heimliche Nationalhymne der Söhne Mannheims, „Meine Stadt (Mannheim)“ wirft, der ist wahrlich riesig. Und man möge mir nach zehn Jahren DJing auf unzählbar vielen Schneckenhoffeten glauben: es ist in der Tat ein gewaltiger Schatten, der kaum Raum für weiteres Licht auf der Bühne lässt.

Doch zurück zu dem in meinen Augen verkannten Potential des Songs. Wendet man sich der Sache rational zu, hat man es mit einem solide produzierten Popsong zu tun, der allein schon durch die markanten Stimmen der Protagonisten heraussticht. Die Stimmen Joy Flemmings und Xavier Naidoos unter 1000 anderen zu erkennen ist wohl eine der leichteren Aufgaben. Doch das wahre Potential dieses Songs sind das Wechselspiel der Stimmungen und Stimmen und vor allem die Fragen und Aussagen über Mannheim – direkt oder verklausuliert, aber irgendwie immer mit dem richtigen Ton. Exemplarisch dafür die Stelle ab 3:40 Minuten, wenn Mannheims Platzhirsch seine Verse beisteuert:

„Du bist einzigartig und mein Fundament, und im Vertrauen sag ich: Du bist meine Welt. Denn so wie Du ist keine, und hier gehör ich hin. Hier hab‘ ich meine Bleibe, und Bleiben fällt nicht schwer.“

Und wenn dann mittendrin bei 4:12 Minuten die Musik wieder hochfährt und zum finalen Refrain ansetzt, dann sitze ich eigentlich jedes Mal im Auto mit voll aufgerissener Anlage, gerne auf dem Weg zurück in die Mannheimat, und bin von einem Glücksgefühl beseelt, dass man mit Worten eigentlich nur so erklären kann wie Mehmet Scholl es vor Monatsfrist in Brasilien versuchte: Gänsehautentzündung.

Nun ist mir natürlich klar, dass das eine sehr subjektive Sicht der Dinge ist – aber ist es das nicht immer, und vor allem im Musikbereich? Wenn 3.000 Studenten Woche für Woche „Meine Stadt“ lauthals singen und dessen niemals satt sind, dann hat das auch nichts damit zu tun, dass es einfach gerade die angesagteste Platte am Markt ist. Vielmehr ist ein Lied in diesem Moment Spiegel der Emotionen, Verbindungselement und Ausdrucksform der Liebe zu dieser wundervollen Stadt, die für die Feiernden gerade ihre Heimat ist.

Das ist mit das Beste, was Musik erreichen kann: die Seele ansprechen. Und wenn ich mir überlege, wie viel fremdsprachige Popsongs wir Woche für Woche lautstark intonieren, ohne überhaupt zu wissen, was deren Aussage ist, dann, Teufel ja, gebe ich liebend gerne zu, dass dieser Song mich packt und mir aus der Seele spricht mit seinem Optimismus, seinen Aussagen und Fragen über unsere Quadratestadt und seiner aus jedem Wort überdeutlich pochenden Liebe für die Heimat der Künstler. Für mich ein ganz, ganz starkes Stück Lokalkolorit.

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar