Das Ende eines Stücks grottenschlechter Stadtgeschichte.

22
Jul
2015

Die Tage der Borelly-Grotte scheinen gezählt. Am 31. Mai 2016 endet wohl die grottenschlechte Geschichte einer unterirdischen Legende.

1962 öffnete die Kaiserring-Passage, die heute jeder nur Borelly-Grotte nennt, ihre Tore. Eine Unterführung der vielbefahrenen Bismarckstraße, doch warum einfach nur im Halbdunkel von der einen Seite auf die andere hechten, wenn man den Raum doch für eine Ladenzeile nutzen könnte. So begann die wechselhafte Geschichte der Passage direkt am Eingang der Stadt. Heute, 53 Jahre später, ist von der theoretisch interessanten Idee mal so gar nichts mehr geblieben. Der Einzelhandel ist schon lange weg, heute reihen sich dauergeöffnete Gastronomiebetriebe mit zweifelhaftem Charakter aneinander. Wohlwollend beschrieben. Und nur die Älteren unter uns können sich noch daran erinnern, dass die völlig runtergekommenen Rolltreppen und Aufzüge mal in Betrieb waren.

Es ist eine fast unendliche Geschichte des Verfalls, den man 1991 mit einem neuen Vertrag, an den die Stadt bis heute gebunden ist, zu stoppen versuchte. Bestandteil dieses Papiers: es wird keine Fußgängerquerung auf der Bismarckstraße geben, um die Menschen weiterhin durch die Passage zu führen. Laufzeit des Vertrages bis 2011, plus der zweimaligen, einseitigen Möglichkeit der Verlängerung um je fünf Jahre – maximale Laufzeit also bis 2021.
Doch auch dieser neue Vertrag und die daran gekoppelten Maßnahmen stoppten den Verfall nicht, und mit der Schaffung der ebenerdigen Fußgängerquerung 2004 gab man die Borelly-Grotte vollends auf. Der Pächter klagte nicht gegen den Vertragsbruch, im Gegenzug wurden die Sperrzeiten für den unterirdischen Partybetrieb merklich verkürzt. Sicherlich, von nun an mussten weniger Passanten auf ihrem Weg in die Stadt durch die runtergekommene und wenig plakative Passage, doch mit der Lockerung der Auflagen befeuerte man die Entwicklung hin zu einer wenig glamourösen Parallelwelt des Nachtlebens, geprägt von schummrigen Bars voller Spielautomaten. Ein fauler Kompromiss, ein Aufschub auf Zeit.

Freilich, die Borelly-Grotte ist auch irgendwie Kult. Nicht nur einmal waren wir, vom Feiern zuvor euphorisiert und überdreht, auf einen letzten Song in der berüchtigten Karaoke-Bar unter Tage. Doch all den romantisierten und verklärten Erinnerungen zum Trotz: klaren Verstandes waren wir in diesen Nächten nun wirklich nicht mehr. Prägender sind die Bilder von Polizisten in Mannschaftsstärke mit Hunden und Helmen, die von allen Seiten in die Passage stürmen. Deutlich sind die zunehmenden Zahlen in Sachen Kriminalität: im Vergleich zu 2010 (264) hat sich die Zahl der registrierten Straftaten bis 2014 (728) fast verdreifacht – mehr als 300 davon sind Drogendelikte, so war es im Mannheimer Morgen zu lesen. Klar ist natürlich auch, dass eine Schließung der Borelly-Grotte das Dasein der Gastronomie mit fragwürdigem Charakter nicht beendet. Die wird sich schlicht eine neue Heimat suchen.
Aber im Zuge der Stadtentwicklung muss das Bahnhofsumfeld besonders Richtung Innenstadt weitere Aufwertung erfahren, so wie es links und rechts des Hauptbahnhofs vorgemacht wurde. Mannheim sollte sich einen derartig zentrierten Schandfleck nicht leisten, gleich gar nicht an derart repräsentativer Stelle. Diese Einsicht ist natürlich nicht neu: Politiker aller Lager klagen seit Jahren über das Problem, nur fehlte bisher die Handhabe auf Grund laufender Verträge. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blogartikel von Michael Schöfer aus dem Jahre 1996.
Beim Bürgerforum zur OB-Wahl Anfang Juni missbilligten die drei Kandidaten auf dem Podium die grottige Lage unisono, Oberbürgermeister Dr. Kurz ließ schon durchblicken, dass die Stadt auf dem Weg einer Lösung ist:

Nun hat man sich wohl auf ein Ende 2016 verständigt, die Option auf weitere fünf Jahre kauft die Stadt für einen sechsstelligen Betrag den Pächtern ab.  Und deswegen wird Mitte 2016 nun endgültig Schluss sein mit dem Treiben unter Tage.

Das ist gut so.
Damit endet ein Stück Stadtgeschichte.
Eins, auf das man guten Gewissens verzichten kann.

 

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