Gibt Gas, macht Spaß: emmy!

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Nach Car- und Bikesharing kommt endlich Rollersharing – und das dank MVV und emmy komplett elektrisch. Ein Test mit der Hand am Gaszug.

Aller Anfang ist schwer: voller Vorfreude wollte ich mich vor zwei-drei Wochen zur ersten Ausfahrt mit einem der E-Roller aufmachen, doch es kam wie es kommen musste – selbst der große der beiden Helme war zu klein. Dickschädel halt, nichts neues für mich. Also flux einen eigenen Helm organisiert, und schon konnte es losgehen.

Im Frühjahr des Jahres kündigte die MVV gemeinsam mit ihrem Partner emmy das Pilotprojekt in der Quadratestadt an, das zunächst bis November läuft und mit insgesamt 20 Elektrorollern in der Innenstadt und den angrenzenden Stadtteilen an den Start geht. Die Idee ist dabei denkbar einfach: nach einer simplen Registrierung in der App und einer Führerschein- und Ausweiskontrolle steht dem spritfreien Rollervergnügen nichts mehr im Wege.
Seit geraumer Zeit trage ich mich mit dem Gedanken, mir wahlweise eine alte Vespa oder einen modernen Elektroroller zuzulegen – die in diesem Blog schon thematisierte Parkplatzsituation spricht eindeutig dafür, die Situation mit meinem Vermieter aktuell dagegen – umso mehr fieberte ich dem Test von emmy entgegen.

Abgesehen von meinem Dickschädel-Dilemma ist das Prozedere tatsächlich so einfach wie versprochen: geschwind die App aufs Smartphone gezogen, die Registrierung erledigt und mir das Starterpaket mit 100 Freiminuten für 10 Euro gesichert musste ich mich nur noch via Skype mit Führerschein und Ausweis als der zu erkennen geben, der ich bin. Das ist vielleicht etwas ungewohnt, aber eben auch vielfach komfortabler als ein langwieriges PostIdent-Verfahren oder den Weg in ein MVV-Kundencenter – was aber dennoch möglich ist.

In der Emmy-App sieht man dann auf einer virtuellen Karte den eigenen Standort, die Standorte der gerade verfügbaren Roller und die Grenzen des Servicegebiets, innerhalb dessen die Roller in Betrieb genommen oder abgestellt werden können. Alternativ kann man sich das auch in der Listenansicht anschauen und erhält dann direkt die Information über den exakten Standort mit Straßennamen und den Akkustand des jeweiligen Rollers. Hat man den Roller seiner Wahl gefunden, wählt man diesen nur noch mit einem einfach Klick aus und kann ihn dann für 15 Minuten reservieren. Am Roller selbst startet man dann mit „Helmbox öffnen“ die eigentliche Miete. Bevor es losgeht, fragt die App ob der Roller in gutem Zustand ist, man seinen Führerschein dabei hat und beide Helme vorhanden sind. Hat man dies bestätigt, geht es los. Stichwort Helme: in der Box sind zwei Helme in unterschiedlichen Größen enthalten, dazu Reinigungstücher und, nennen wir es mal Badehauben zur Trennung von Echthaar und Helminnerem. Und ich kann beruhigen, die Helme passen eigentlich jedem außer mir.

Das Fahren des Rollers ist so simpel wie Rollerfahren eben ist: Powerschalter auf „on“, am rechten Griff Gas dosieren und mit beiden Händen bremsen. Dazu gibt es Hupe, Licht, Blinker und, ganz modern, Handyhalterung mit USB – that’s it. Bzw. fast. Zunächst etwas unscheinbar erweist sich die „Set“-Taste als nicht ganz unwichtig: durch kurzes Betätigen dieser kann man zwischen den beiden Fahrmodi „Eco“ und „Full“ umschalten. Der Sparmodus, der beim Start immer ausgewählt ist, hat mehr Reichweite, hier braucht der Roller aber auch merklich länger bis zur Höchstgeschwindigkeit von 49 km/h – übrigens vier mehr als eigentlich ausgewiesen. Im Vollpowerbetrieb geht es im mittleren Geschwindigkeitsbereich deutlich schneller voran, im Antritt aus dem Stand ist der Unterschied hingegen kaum spürbar. Die zweite Funktion der Taste ist allerdings fast noch wesentlicher: denn durch langes Drücken kann die Geschwindigkeitsanzeige zwischen km/h und mph umgeschaltet werden – bei meinen ersten drei Fahren standen die Roller immer auf „Miles per hour“, was das Anpassen der Geschwindigkeit an die gesetzlichen Vorgaben mit stetigem Multiplizieren mal 1,6 etwas lästig machte und wenn es ganz dumm läuft sogar unschöne wie teure Bilder produziert.

Der Roller an sich fährt sich super. Es handelt sich um den Muvi-Roller von Torrot, der bestens funktioniert: guter Antritt selbst mit einer Beladung durch mich, einfaches Handling – lediglich das digitale Display ist bei Sonne etwas schlecht abzulesen. Die Reichweite ist mit bis zu 85 Kilometern bei vollen Akkus sehr ordentlich und Sharing-Stadtbetrieb allemal ausreichend. Damit den Mietern immer genügend Reichweite zur Verfügung steht, werden die Akkus gegenwärtig bei kritischem Ladezustand durch Fahrradkuriere durch volle ersetzt, also ebenfalls umweltschonend. Es wäre allerdings auch einigermaßen seltsam, würde der Austausch per Diesel-PKW erfolgen. In Kombination mit der Tatsache, dass für den Betrieb MVV-Ökostrom benutzt wird also ein durchaus sinnvolles und nachhaltiges Modell.
Insgesamt habe ich in den letzten Wochen so 10-20 Fahren mit verschiedenen Emmys absolviert, und das ohne technische Probleme oder sonstwie in Mitleidenschaft gezogene Geräte. Die Steuerung der Miete über die App funktioniert problemlos, jedes Mal öffnet sich die Helmbox mit einem lauten Klacken auf Befehl. Hier macht sich sicher bezahlt, dass man seitens der MVV mit emmy mit einem erfahreren Partner kooperiert, der z.B. in Berlin schon das Scootersharing etwas länger anbietet und aus dem Betastadium der Kinderkrankheiten raus zu sein scheint.

Schön und gut so weit, doch was kostet das Ganze? Neben den Freiminuten ist das Preismodell so einfach wie nutzerfreundlich: man zahlt entweder 59 Cent pro Kilometer oder 19 Cent pro Minute – aber am Ende der Fahrt immer den günstigeren Tarif. Sprich: war man 5 Minuten unterwegs, ist aber nur einen Kilometer gefahren, zahlt man 59 Cent für den Kilometer statt 95 Cent für 5 Minuten. Würde man in der selben Zeit hingegen zwei Kilometer fahren, käme die Minutenabrechnung zum Tragen statt 1,18 Euro für die  Entfernung. Jede Fahrtabrechnung kommt übersichtlich per Email „nach Hause“, abgerechnet wird wahlweise via Kreditkarte oder Lastschrift circa einmal im Monat. Im Praxistest bewährt sich dieses Preismodell: mehrere Fahrten vom Arbeitsplatz im Wohlgelegen in den Jungbusch schlugen im Mittel mit 2,20 Euro zu Buche und dauerten ungefähr 10 Minuten – mit der Straßenbahn wäre es nicht nur etwas teurer gewesen, sondern mit einigen Umstiegen auch deutlich weniger komfortabel und zeitintensiver.
Risiko der ganzen Sache ist natürlich, dass bei beendeter Miete am Zielort der Roller von jemand anderem gemietet werden kann – höchst ärgerlich, wenn man damit auch seine Rückfahrt geplant hat. Wer hier auf Nummer sicher gehen will, kann den dafür vorgesehenen Parktarif nutzen für 5 Cent pro Minute. So kann man den Roller weiterhin für sich beanspruchen und ist selbst bei einstündiger Pause mit 3,00 Euro noch gut bedient. Übrigens: verlässt man mit dem Emmy das Servicegebiet, kann die Miete nicht beendet werden, sondern nur in den Parktarif gewechselt werden.

Man kann nur hoffen, dass das Pilotprojekt Schule macht und dann künftig auch dauerhaft und ggf. sogar ausgweitet in Mannheim zur Verfügung steht, denn emmy macht wirklich Laune: faire Preisgestaltung, super im Handling, ökologisch sinnvoll und Spaß macht es obendrein. Nein, selbst bei intensiver Überlegung kann ich nach drei Wochen intensiven Testens nur Positives berichten. Ich hatte mit technischen Wehwehchen gerechnet und hätte diese verziehen, aber emmy präsentiert sich schon jetzt als ausgereiftes System mit hohem Spaßfaktor. Denn neben all den rationalen Vorteilen ist es vor allem ein gutes Gefühl, sich bei warmem Sommerwetter in Shors und Shirt den Fahrtwind auf dem Weg von A nach B um die Nase wehen zu lassen.

 

RELEVANTE LINKS:

Emmy-Webseite mit allen Informationen

 

 

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