Heimspiel mit Kratzen im Hals

02
Feb
2015

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Was wenn alles gut geht? Und geht alles gut? Geht es. Laith Al-Deens Heimkonzert am vergangenen Sonntag im Mannheimer Capitol war nicht nur von vorne bis hinten großartige Unterhaltung, sondern auch ein Abend, der gleich mehrere interessante Detailfragen beantwortete.

Es ist wohl für Künstler und Publikum gleichermaßen ein besonderer Tag, wenn man im Rahmen einer Tour in seiner Heimatstadt die Bühne betritt. Laith Al-Deen, halber Iraker und gefühltes Mannheimer Urgestein, lud seine Gäste ins Capitol, um Ihnen in einem etwas mehr als zweistündigen Konzert Songs aus seinem aktuellen Album „Was wenn es gut geht“ zu präsentieren. Der Saal des ehemaligen Lichtspielhauses am Alten Messplatz war voll bis auf den letzten Platz, das Publikum in den besten Jahren des Lebens. Erwartungsgemäß viele Pärchen, junge Eltern – eindeutig weiblich dominiert. Oder um es wie einst Michael Bublé in der SAP Arena auszudrücken: Danke an die Männer – man ahnt, dass viele mehr liebevolle Begleitung als überzeugte Laith Al-Deen-Fans sind.

Der Abend an sich startet mit einer Vorband, wobei Band in diesem Fall der falsche Ausdruck ist. Alex Diehl stimmt das Publikum auf das Konzert ein, begleitet von seinem Pianisten. Und wie. Gesegnet mit einer unfassbar vielseitigen Stimme zog er von den ersten Tönen an die Menge in seinen Bann. Seine Songs allesamt traurig, nachdenklich, ruhig – und doch melodiös und wunderbar schön. Garniert mit autobiographischen Anekdoten, emotional vorgetragen mit für junge Künstlern oft typische, im Wahn nach Perfektionismus noch nicht fein geschliffener Authentizität – das ging unter die Haut und bleibt in Erinnerung. Und es ist für Zuhörer wie den Künstler selbst wohl besonders, wenn das Publikum den Auftritt als unbekannte Vorband mit stehenden Ovationen und lauten Zugaberufen bedenkt. Der höchst sympatische Bayer, unweit der österreichischen Grenze zuhause, hat im vergangenen Jahr sein Debütalbum „Ein Leben lang“ released, das bei Amazon mit vollen 5 Sternen die Käufer überzeugt, und manch einer einfach nur zufällig im Vorprogramm von Laith Al-Deen auf Alex Diehl gestoßen. Zu hören gab es auch es auch ganz neue Songs, die auf dem ersten Album nicht sind wie „Bitte werde nie ein Song“ – das hat Potential und passt perfekt. Da kann man sich auf mehr freuen.

Dann, gegen halb neun, betritt Laith Al-Deen mit seiner Band die Bühne. Was sofort auffällt: großes Brimborium oder selbstverliebtes Gehabe sind ihm fremd, der Gang auf die Bühne mit der Band erfreulich sachlich – und das bleibt auch über den Rest des Abends so. Überhaupt spielt die Tatsache, dass er auf der atmosphärisch besten Bühne seiner Mannheimat vor ausverkauftem Haus spielt, nur eine kleine Rolle. Ein paar kurze Grüße an Freunde und Familie auf dem Oberrang, ein paar Worte in kurpfälzischem Gewand zwischendrin – das war es. Ansonsten überzeugen Band und Musiker mit perfektem Sound und einer einfachen aber zum Konzert passenden, wunderschön abgestimmten Lichtshow. Stimmungen und Atmosphäre kommen perfekt rüber – ganz gleich ob es die ruhige Unplugged-Version von „Jetzt, hier, immer“ ohne Band als Zugabe ist, die dem Autor dieses Blogs aus persönlichen Gründen sehr am Herzen liegt oder die aktuelle Single „Nur wenn sie daenzt“, die mit elektronischen Clubelementen neue Seiten von Laith Al-Deens Repertoire zeigt.

Stichwort Stimmung: das Mannheimer Capitol ist und bleibt eine ganz wunderbare Adresse für Live-Konzerte: der breite Raum vor der breiten Bühne machen die Künstler erlebbar, selbst aus der letzten Reihe hat man das Gefühl, mittendrin zu sein. Dazu die hervorragende Akustik und das stilvolle Ambiente des alten Kinos – ein atmosphärischen Gesamtpaket, das große, schlauchartige Hallen kaum bieten können.

Interessant zu sehen bei Künstlern, deren größter kommerzieller Erfolg oft ganz am Beginn ihrer großen Karriere stand, ist der Umgang mit den „alten“ Hits. Mancher spielt sie gar nicht mehr, anderer verfremdet sie total. Laith Al-Deen entschied sich für einen Weg der Mitte und packt die Songs wie „Alles an Dir“ und allen voran „Bilder von Dir“ in ein musikalisch neues, zeitgemäßes Gewand, ohne den ursprünglichen Charakter zu verfremden – eine gute Entscheidung zugunsten des Publikums.

Stichwort Publikum: was zwischen all den glücklich und teils schon lange verliebten Pärchen massiv nerven kann, sind zwei halbstarke Hipster-Teenager mit fragwürdig schickem Undercut, die das erste Bier ihres Lebens trinken (beim Komasaufen geht’s ja sonst härter zu) und dann das laufende Konzert samt Protagonisten auf der Bühne hämisch zu kommentieren mit ironischem Applaus und Wortbeiträgen, die man hier aus Gründen guter Kinderstube nicht wiederholt. Blöd für die beiden, dass ihnen erst nach dem Beginn des Konzerts aufgefallen ist, das Laith Al-Deen singt und nicht Unterwäschemodel und Photoshop-Testimonial Justin Bieber. Noch blöder für die Menschen in direkter Umgebung, die sich das prepubertäre und entsprechend sinnfreie Gequatsche gezwungenermaßen anhören mussten.

Der einzige Wehrmutstropfen eines wirklich tollen Abends mit dem leicht kränkelnden Laith Al-Deen und seinem wunderbaren Support Alex Diehl kurz im Rahmen seiner Deutschland-Tour, die nach den Konzerten in Nürnberg und München diese Woche endet.

Relevante Links:
www.laith.de
www.alex-diehl.de

 

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