Mannheim leistet sich derzeit einen kollektiven, tragischen und am Ende viel zu teuren Luxus: man ist auf allen Seiten auf dem besten Wege, das Tischtuch zwischen Öffentlichkeit und Xavier Naidoo zu zerschneiden.
Ohne Frage: die proklamierten Thesen und Ansichten Xavier Naidoos sind in vielerlei Hinsicht diskussionswürdig. Das ist nicht neu, das war schon früher so, als er Autogramme mit dem Hinweis, er signiere nur die Bibel, verweigerte. Das kann man gut finden. Muss man aber nicht.
Problematischer sind zweifelsfrei die Auftrittsorte des Mannheimer Ausnahmekünstlers, vor allem in der jüngeren Vergangenheit, und auch seine Reaktionen und Erklärungen darauf geben keinen eindeutigen Aufschluss darüber, ob er nun mit Kalkül oder einfach nur zufällig und grenzwertig naiv vor und vielleicht sogar im Namen von Leuten sprach, deren Gesellschaft man dringend meiden sollte. Darüber kann es bei gesundem Menschenverstand eigentlich keine zwei Meinungen geben.
Was allerdings seit der rasenden, viralen Verbreitung der Youtube-Spots seiner Reden am Tag der Deutschen Einheit unzählige Personen und Institutionen Mannheims an panischer Distanzierung und Verurteilung betreiben, ist blanker Aktionismus und absolut kontraproduktiv, weil es den falschen Leuten in die Karten spielt.
Wenn das politische Spektrum Mitte-Links quasi über Nacht alle möglichen Sanktionen und Untersuchungen fordert, alte Weggefährten sich postwendend vom einstigen „Freund“ distanzieren und Xavier Naidoo an den rechten Rand der Gesellschaft rücken, dann ist es doch die logische Konsequenz, dass die politisch rechten Irrlichter von AfD und vor allem NPD den Sohn Mannheims als neue Galionsfigur ausrufen. Aktion erzeugt Reaktion.
Man hätte ein wenig mehr Geduld an den Tag legen sollen, bevor man zur Tat schreitet und Konsequenzen zieht. Für die Popakademie war mit drei Vorlesungen im Jahr genauso wenig Eile geboten wie für die Stadt und ihre politischen Akteure aller Ebenen. Und Naidoo pauschal des Rassismus zu bezichtigen, einen Mann mit südafrikanisch-indisch-irisch-deutschen Wurzeln, der in Gospelchören sang und sich beispielsweise bei Udo Lindenbergs „Rock gegen Rechts“ engagierte, ist schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt.
Denn bei allem Schaden, den Xavier Naidoo mit seinen jüngsten Aktionen vor allem seinem eigenen Image zugefügt hat: dass die Inhalte seiner Reden und die Zuhörer bundesweit als Mannheimer Kollektivmeinung wahrgenommen werden, ist absurd und eine Für-Dumm-Erklärung der Bürger dieses Landes.
Die öffentliche Meinung dagegen wird sowieso vor allem getrieben von den Lagern der Fans, die sich schützend vor ihren Star stellen und denen, die mit seiner Musik und Art noch nie warm wurden und jetzt Applaus klatschend seiner Demontage beiwohnen. Das war zu erwarten – allerdings ist es kein gutes Zeichen, wenn sich leitende Medien und Menschen davon anstecken lassen.
Natürlich hat Xavier Naidoo die Lawine selbst losgetreten – ob gewollt oder unbedacht. Das ist Fakt. Aber die Schärfe und Intensität, die die Diskussion aufgenommen hat, ist unnötigerweise auch durch vorschnellen Aktionismus vieler Akteure entstanden und hat so Bande vermutlich nachhaltig beschädigt, von der unsere Stadt lokal, regional und auch national profitiert.
Man hätte von Beginn an den direkten Dialog mit Naidoo suchen sollen, statt über Medien gleich welcher Art zu „kommunizieren“. Im Anschluss daran wäre immer noch mehr als genug Zeit gewesen, sich von allen Inhalten und gemeinsamen Projekten mit dem Künstler zu distanzieren. Hier demontiert eine Stadt(-gesellschaft) einen ihrer schillerndsten und wichtigsten Söhne auf Grundlage seiner Auslassungen, die so viel Raum für Interpretationen und Missverständnisse lassen, dass eine seriöse Deutung seiner Absichten kaum möglich ist. Am Ende dieser Geschichte wird ein Trümmerfeld bleiben, dessen Ausmaß dieser Tage noch gar nicht abzuschätzen ist.
Die einzigen Gewinner dieser traurigen Posse sind die politischen Geisterfahrer vom rechten Rand, die sich über mehr Aufmerksamkeit freuen, als ihnen die auf Youtube gezeigten Reden Xavier Naidoos alleine jemals gebracht hätten.
Die Rede Xavier Naidoos in Berlin:
https://www.youtube.com/watch?v=01pfaPgGE5c
Ebenfalls lesenswert die Stellungnahme Rolf Stahlhofens:
https://www.facebook.com/stahlhofen/photos/a.281773085232468.65760.281525608590549/696157183794054/?type=1



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