Stumpfes, gelbes Schwert

11
Mai
2017

Der Anwohnerparkausweis soll sicherstellen, dass Anwohner Parkplätze finden. So weit die Theorie. In der bestehenden Form ist das Teil nahe am Betrug, eine Frechheit gegenüber den Bewohnern ist es allemal.

Etwas mehr als 30 Euro im Jahr – und schon kann man Stadtbewohner mit Erstwohnsitz und einem fahrbaren Untersatz einen Anwohnerparkausweis hinter seine Windschutzscheibe legen. Und so in den stark frequentierten Bereichen der Innenstadt und angrenzender Stadtteile einen Parkplatz finden. „Bewohnerparkvorrechte“ nennt die Stadt das generös und bedeutungsschwanger auf ihrer Infoseite zu Bewohnerparkausweisen. Blöd nur, dass dieses „Vorrecht“ nur in der Theorie besteht und in der Praxis durch die liederliche Handhabe der Stadt keinerlei Effekt hat. Und so muss man sich die Frage stellen, ob der Stadt selbst nicht erkennt, wie stumpf das Schwert „Anwohnerparkausweis“ wirklich ist oder ob ihr die Belange der Bewohner einfach egal sind und allein das Prinzip Wirtschaftlichkeit regiert.

Aber von vorne. Welcher motorisierte Bewohner kennt es nicht? Kommt man nach 18 Uhr in seinen Stadtteil und macht sich auf die Suche nach einem freien (Anwohner-)Parkplatz, braucht man entweder Glück oder vor allem Zeit. Ich nenne das „circlen“ – ein Begriff, den mir eine wunderbare Frau nähergebracht hat. „Die Stadt vermietet hier Parkplätze, die sie faktisch gar nicht hat.“ hat mein Vermieter mal gesagt – und damit hat er logischerweise recht. Im 922-seitigen Haushaltsplan Mannheims habe ich leider nicht endeckt, wie viele Parkausweise die Stadt ausgibt, es dürften aber mehr sein als es dafür vorgesehene Parkplätze gibt.
Nun bietet sich von Stadtteil zu Stadtteil ein unterschiedliches Bild, was die Parksituation angeht: in den Bereichen mit mehr Wohnungen und weniger Gastronomie oder Einzelhandel (also quasi alle außer Innenstadt und Jungbusch) schwärmen tagsüber die PKW aus, meist um den Broterweb nachzugehen. Ich habe lange in der Schwetzingerstadt gewohnt – dort wäre Ballspielen auf den meisten Straßen auf Grund nahezu kompletter Verwaisung möglich gewesen. Der Kampf um die Parklücke beginnt dort allabendlich. Abends ist die Situation in der Innenstadt und im Junbusch die gleiche, wobei hier auch tagsüber Parkplätze rar gesät sind, weil durch Einzelhandel und Gastronomie der Anteil von Fremdparkern wesentlich höher ist.
Abends verschärft sich das durch die „Doppelbelastung“ aus Anwohnern und Gästen nochmals drastisch.

Als ich im vergangenen Jahr den Entschluss fasste, mich mal genauer mit dem Thema zu fassen, stand am Anfang die Recherche. Das subjektive Gefühl endloser Parkplatzsuche sollte nicht die einzige Triebfeder sein. Also habe ich in drei verschiedenen Monaten jeweils an zwei Abenden in drei Stadtteilen (Innenstadt, Lindenhof, Schwetzingerstadt) in verschiedenen Straßen mit ausschließlichem Anwohnerparken dokumentiert, wie viele der tatsächlich abgestellten Fahrzeuge einen Parkausweis hinter der Scheibe hatten. Das Ergebnis: mindestens 40 Prozent aller Fahrzeuge waren dort ohne entsprechende Parkberechtigung abgestellt, meistens lag der Wert über 50 Prozent (13 von 18 Terminen).
Fakt ist also: das subjektive Gefühl der hohen Zahl an Fremdparkern, das auch der Mannheimer Morgen schon 2013 in einem Artikel thematisierte, war nun also mit Zahlen belegt. Mit diesen Werten habe ich mich mit zwei konkreten Fragen an die Stadtverwaltung gewandt:
1. Wie oft werden die Parkscheine nach 19 Uhr werktags oder am Wochenende in der Innenstadt kontrolliert?
2. Wie oft werden die Parkscheine nach 19 Uhr werktags oder am Wochenende in Stadtteilen (nicht Quadrate) kontrolliert?

Einfache Frage, keine Antwort. Auf ein Feedback auf diese wiederholte Anfrage aus dem Sommer 2016 warte ich bis heute. Daraufhin habe ich mir die Antworten zumindest teilweise über direkten Kontakt bei Politessen besorgt – und muss erkennen, dass die Kontrollpraxis quasi nutzlos ist, um zumindest den Fremdparkern in der Innenstadt zu Leibe zu rücken. Kontrollen finden zwischen 9 und 21:30 Uhr statt. Das ist aber ein zutiefst theoretischer Wert. Denn um 21:30 Uhr findet nicht die letzte Kontrolle statt, sondern da ist Dienstende in F1. Wie viel vorher dann also die letze Kontrolle wirklich an den verschiedenen Standorten stattgefunden hat, keine Ahnung. Fakt ist, das ich ab 20 Uhr selten bis nie Kontrolleure sehe.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. In beispielsweise mit fragwürdigen Kneipen dicht besiedelten Quadraten in den nördlichen Quadraten ist abends parktechnischer Wilder Westen, da die Quote an auswärtigen Fahrzeugen astronomisch hoch ist. Und so stehen auf den für Anwohner ausgewiesenen Parkplätzen eben auch massenweise „Fremdparker“ – wieso auch nicht? Wirksame Kontrollen mit entsprechenden Bußgeldern finden ja auch nicht statt. Und das genau dann, wenn sie Bewohner wirklich bräuchten – abends, wenn nach Arbeit und Freizeit die Heimkehr ansteht.
Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass selbst in den umliegenden Stadtteilen ein Parkausweis nicht lohnt, denn hier läuft man – sofern beruftstätig – auch nur samstags Gefahr, überhaupt belangt zu werden. Doch wie oft wirklich am Wochenende in den Wohngebieten kontrolliert wird, darauf warte ich weiterhin auf Antwort. Ich behaupte mal: die Kontrollen finden vor allem dort statt, wo es sich „lohnt“. Also in der Innenstadt, wo tagsüber die Fluktuation so hoch ist, das man quasi alle Stunde im selben Straßenzug neue „Kundschaft“ antrifft.
Doch wird die Stadt mit der gängigen Praxis auch nur ansatzweise ihrem eigenen Anspruch von „Bewohnerparkvorrechten“ gerecht? Wohl kaum.

Wenn es der Stadt wirklich ernst damit wäre, die Situation der Anwohner zu verbessern, dann müsste sie auch für Kontrollen spät am Abend sorgen. Gefühlt würden die sich in den gastronomisch geprägten Gebieten sogar rechnen, aber selbst wenn nicht: das berechtige Interesse der Anwohner sollte hier Priorität haben. Mit regelmäßigen Kontrollen am Abend würden „Fremdparker“ sofort wirksam bekämpft werden.
So aber ist der Anwohnerparkausweis kaum mehr als versteckte Gebührenerhebung. Ihn gänzlich wegzulassen hätte in 95 Prozent der Zeit genau den gleichen Effekt.
Ein stumpfes, gelbes Schwert.

19 Kommentare
  1. Auch ich habe es einmal mit einer telefonischen Anfrage bei der Stadt probiert. Da es in unserem Stadtteil ( schwetzingerstadt ) ab 17 Uhr fast unmoeglich ist einen Parkplatz zu finden (sehr viele Autos ohne Bewohnerparkschein) sind die Anwohner praktisch dazu gezwungen ordnungswidrig zu Parken (z.B. auf einem breiten Gehweg). Da die Stadt genau das weiss, gibt es vorallem abends auch oft genug Kontrollen . Selbstverstaendlich bleibt man als Inhaber eines Anwohnerausweises nicht verschont ( Wieso denn auch wenn pro Strafzettel zusaetzlich 25€ in die Stadtkasse gespuelt werden)
    Auf meine Nachfrage ob Wir Anwohner unsere Autos in unseren Wohnzimmern parken sollen lautete die antwort : Tja sie koennen ja auch mit der Straßenbahn fahren, in Mannheim gibt es halt zuviel Autos, das ist ueberall so.

    Das Problem ist nicht nur
    ,dass man fuer einen Anwohnerparkschein bezahlt und einen Parkplatz den man eh nicht findet sondern viel mehr, dass man auch noch jede Menge Strafzettel bezahlt weil man k e i n e andere Wahl hat als dann ordnungswidrig zu parken.

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  2. Es darf eben alles nichts kosten. Hauptsache der Bürger zahlt brav.

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  3. In den B und C quadraten das selbe. Abends dreht man stundenlang Kreise um die Quadrate, während die Parkplätze vor allem mit Autos aus RP, SÜW und GER zugeparkt sind. Zickzacklinien, Anwohnerparkplätze? Drauf geschissen! Das ärgert mich auch, denn dort könnte sich die Stadt eine goldene Nase verdienen.

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  4. ärgerlich auch, wenn man dann notgedrungen auf die Kurzzeitparkplätze ausweichen muss, die Parkscheibe einlegt und überzieht und dann das Knötchen an der Scheibe hängt… kontrolliert wird wohl schon, jedoch leider nicht konsequent.

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  5. Da mich die Parkplatzsituation (Schwetzinger Vortsadt) bedingt durch die Arbeit besonderes stark betrifft, hatte ich sogar schon mit dem Gedanken gespielt umzuziehen. Ich muss jeden Tag mit dem Auto fahren und komme zwischen 18:30 – 22:00 Uhr nach Hause…da wird aus einem 11 1/2 h Tag auch mal ganz schnell ein 12 h + Tag.
    Einen Stellplatz in zumutbarer Nähe ist auch nicht vorhanden.
    Die im Artikel erwähnte Politik und „leck mich am Arsch“ Einstellung der Stadt ist wirklich unter aller Sau, nur leider wird sich daran nie etwas ändern. Es bleibt einem entweder Umzug oder ertragen.

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  6. Mir stellen sich da irgendwie automatisch einige Fragen:
    Was soll die Stadt deiner Meinung nach machen? Abschleppen?
    Oder nur knöllchen verteilen? Falls letzteres: das tun sie bis 21:30 Uhr. Und laut deinem Artikel ändert das in diesem Zeitraum auch nichts.
    Bekommst du Besuch? Wo parkt der?
    Wenn in den Bereichen der Innenstadt keine Gäste/Kunden mehr parken können/sollen, würden die Geschäfte noch genügend Kunden haben?
    War die Situation anders, als du eingezogen bist?
    Ich verstehe das Gemecker um Parkplätze in der Innenstadt genausowenig, wie die Beschwerden der zugezogenen Anwohner in der unteren Straße in Heidelberg. Ich behaupte nämlich mal ganz dreist: hätte man bei Einzug bemerken können. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren…

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    • Hallo Vera,
      erstens kontrolliert niemand bis 21:30 Uhr, da ist die Schicht zu Ende. Und nochmal: es wird immer zu wenig Parkplätze geben. Das ist Fakt. Aber es kann und darf nicht sein, dass JEDEN ABEND auf Anwohnerparkplätzen auswärtiger Besuch rumsteht, weil um diese Uhrzeit nicht mehr kontrolliert wird. Für Gäste gibt es vor allem in der Innenstadt genug Parkhäuser, aber die kosten ja Geld.
      Ich habe in der Schwetzingerstadt gewohnt und jetzt in den K-Quadraten. Ich habe kein Problem mit Parkplatzsuche. Ich habe ein Problem damit, dass die Stadt nicht willens ist, die selbst ausgelobten „Bewohnerparkvorrechte“ auch wirksam umzusetzen.

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    • Da parkt wohl jemand selbst ordnungswidrig in der Stadt und nimmt uns die Anwohnerparkplätze weg, stimmt’s?! 😉

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      • Nein, ich habe einen Anwohnerparkausweis, mit Mannheimer Kennzeichen 😉

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        • Es war ja auch Vera gemeint… du, Max, hast ja den Artikel geschrieben (nehm ich doch jedenfalls an) 😄 Aber da hätte eine Anrede meinerseits wohl ein Missverständnis minimiert. Sorry dafür! Gruß von F nach K 😉

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          • Kennen wir uns? 😉 Und woher weißt Du, dass ich in „K“ wohne? 😉

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  7. Also 100% kann ich das nicht unterschreiben. Was ich bezeugen kann, dass die ganz gerne vor Feierabend hier nochmal kontrollieren (U – T Quadrate).
    Das kommt mir immer relativ spät vor, also bestimmt so zwischen 21:00-21:30Uhr und das auch sehr regelmäßig. Gegen 17 Uhr sind sie auch gern hier unterwegs.
    Aber ganz ehrlich, ist in der Innenstadt doch auch scheiß egal. Gerade weil das eben Leute sind, die nicht regelmäßig dort abparken. Da bekommt einer einen Strafzettel, weil er auf dem Bewohnerparkplatz steht, und am nächsten Tag steht da wieder jemand anderes…
    Doof ist für uns Bewohner dann nur immer, dass die da dann doch auch relativ konsequent mit uns Bewohnern umgehen… und wir eben auch schon Strafzettel bekommen haben, weil wir nicht 1 Meter Abstand von der Ecke eingehalten haben, etc…
    Ich bin echt mal gespannt, wie das hier aussieht, wenn die Häuser in T4 stehen. Ich hoffe ja sehr, sehr, seeeehr, dass die eine Tiefgarage haben…. Sonst hab ich keine Ahnung, wie man hier noch einen Parkplatz bekommen soll…

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  8. Für mich rechnet sich mittlerweile der Dauerabstellplatz im Parkhaus (100 €/monatl). Keinen Bewohnerparkausweis mehr, keine Strafzettel, bei Schnee und Eis kein Kratzen, im Sommer schön kühl. Klar, muss man natürlich an anderer Stelle einsparen. Anders in der Schwetzinger Vorstadt aber nicht mehr zu machen. Selbst wenn man glücklich endlich einen freien regulären Parkplatz gefunden hat, kann es sein, dass der Bezirk nicht mehr mit dem auf dem Ausweis übereinstimmt und schon bekommt man doch wieder ein Knöllchen. (Bei mir so, auf der anderen Strassenseite ist ein anderer Bereich in dem ich nicht parken darf!)

    Völlig UNVERSTÄNDLICH finde ich, dass Parkplätze ersatzlos entfernt werden. (Augustaanlage vor Leonardo, vor der ehemaligen Post bei der Helene-Lange-Schule Weberstrasse) Nehme an das ist ökologisch wertvoll. (lässt man lieber alle öfter um den Block fahren)

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  9. In der Schwetzingerstadt-Oststadt ist es ab 19 Uhr unmöglich einen Parkplatz zu finden.
    Wochenende ist der Supergau.
    Alles mit auswärtigen Kennzeichen. Um den Wespinhort wird sogar auf dem Gehweg geparkt. Aber Kontrolle gibts nie.

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  10. Ich habe das eben mal überflogen, der Bewohnerparkausweis kostet etwa 30 Euro pro Kalenderjahr. Es wird auch nirgends von einem garantierten Parkrecht gesprochen. Man ist als Anwohner auch nicht verpflichtet sich den Parkausweis zu besorgen. Man kann doch nicht wirklich davon ausgehen, das man für 2,50 Euro im Monat einen garantierten Parkplatz in der Innenstadt bekommt.

    Das Problem lässt sich doch zumindest in der City super einfach lösen, dort gibts Dauerstellplätze zu doch recht fairen Preisen http://www.parken-mannheim.de/ .

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    • Dumm nur, dass man dann diesen Hinweis bekommt und teilweise mehrere Monate bis Jahre auf einen Dauerparkplatz im Parkhaus wartet … -.- … also von „super einfach lösen“ kann man da nicht reden.

      „WICHTIGER HINWEIS:
      Dieser Tarif ist aufgrund der starken Nachfrage zurzeit nicht verfügbar.
      Bei Fragen steht Ihnen unsere Kundenbetreuung zur Verfügung.“

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  11. Wir haben die gleiche Situation in dem M Quadrat. Als Anwohner am Abend eine Katastrophe. Das Problem ist die mangelnde Kontrolle und der günstige Preis für einen Strafzettel. Für ganzen Tag parken ist Strafzettel billiger als Parkhaus. Mittlerweile spreche ich Leute darauf an dass sie auf einem Anwohnerparkplatz stehen wenn ich es zufällig mitbekomme und die meisten wissen das nicht einmal. Manche fahren dann sogar weg. Vielleicht ist es sinnvoll die Anwohnerparkplätze besser zu markieren. Rote Striche auf der Strasse wie in Frankreich.

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  12. Ich sehe das ganz ähnlich wie Richard. Ich wohne in der Schwetzingerstadt und hatte anfangs, bevor ich meinen Bewohnerausweis hatte, auch oft genug Strafzettel bzw. Musste immer die Parktickets zahlen.
    Für die 30 Euro im Jahr fahre ich dann gerne ein paar mal mehr um den Block.

    Übrigens gehöre ich auch zu denen mit einem auswärtigen Kennzeichen. Bin aber trotzdem Anwohnerin mit Ausweis.

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  13. Irgendwie scheinen einige den wichtigsten Teil zu überlesen: es geht mir nicht um ein „Recht auf einen Parkplatz“, sondern schlicht darum, dass die Stadt die Interessen ihrer Bewohner etwas besser schützen könnte, in dem sie gegen die Fremdparker vorgeht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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